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Ein Reisebericht von unserem Mitglied Harald Eiselt
Mit der Cessna 182RG in die Ukraine
Die Landung der Cessna C182 RG, Kennzeichen D-EGTG, war für den frühen Nachmittag angekündigt.
Ein Trolleybus der Linie 9, betagt und hundertfach geflickt, trotzdem rücksichtslos überladen, brachte sie vom Boulevard Uniwersitecka, Haltestelle Iwan-Frank-Park hinter der Universität, nach einiger Anstrengung aus dem Stadtzentrum heraus zum L’viv Aeroport, dem Flughafen von Lemberg, der zehn Kilometer westlich der Stadt am Ende der breiten Straße liegt. Vor Fahrtantritt musste der Busfahrer noch Hand an den Stromabnehmer und die Elektrik im Wagenkasten legen und mit gezielten Hammerschlägen ausgleichen, was sein treues Gefährt freiwillig nicht mehr bringen konnte. Für die meisten Fahrgäste war dieses Antrittsritual offensichtlich normal. Viel interessanter schienen ihnen die beiden Fremdlinge im Bus zu sein, von denen die resolute Schaffnerin für das bevorstehende Abenteuer 50 Kopinok pro Nase verlangte, umgerechnet nicht mal 10 Cent.
Ehrensache, Harry Eiselt und Erwin von der Forst wollten ihre heute mit einem Vereinsflugzeug einfliegenden Kameraden vom Motorflugclub Hassfurt, Jochen Kost und Bernd Stephan, in der heimlichen Hauptstadt der Ukraine empfangen. Es sollte eine besondere Premiere werden.
Nun warten wir schon seit vielen Tassen Espresso auf die Ankunft von Jochen und Bernd auf der Terrasse des kleinen Bistros, schräg gegenüber vom Empfangsgebäude. Hier hat man noch den besten Überblick über den weiten Vorplatz und den gut gesicherten Eingangsbereich. Das jüngste und adretteste weibliche Wesen im Handling-Service-Büro des Flughafens spricht Schulenglisch. Sie berichtete von einem verspäteten Abflug der Cessna in Krakau, so stand es jedenfalls auf ihrer Landeliste.
Der Flughafen von L’viv wird international angeflogen, es kommen Linienmaschinen aus Warschau, Frankfurt/Main, Amsterdam, London, und sicher bald auch die Maschine aus Haßfurt. In der schräg stehenden Nachmittagssonne strahlt das palastähnlich angelegte, in seinem sozialistischen Zuckerbäckerkleid durchaus gefällige Empfangsgebäude regelrecht. Es birgt unter seiner Kuppel nur das Nötigste, ist zu klein geworden. In den benachbarten Neubauten befinden sich Flugsicherung und Verwaltung, für Gastronomie ist da auch kein Platz. Das kleine Bistro profitiert davon, Taxifahrer und Flugzeugbesatzungen nehmen hier ihren Caj.
Die warme Nachmittagssonne kühlt ein starker Wind, der extrem quer zur Landerichtung bläst. Die Landung der leichten Cessna wird nicht einfach werden.
In den vergangenen Tagen herrschte durchweg schlechtes Wetter. Der Start der MFC-Cessna musste mehrfach verschoben werden. Aus dem eintägigen Vorsprung, den wir wegen unserer langsameren "Hummel" vorgelegt hatten, sind mittlerweile drei Tage geworden. Eigentlich war der Ausflug von zwei Haßfurter MFC-Flugzeugen in die Ukraine geplant: unsere fünfzig Jahre alte, aber nicht müde Piper PA 22 und die schnelle Cessna C 182 RG mit den Piloten Kost und Stephan. Die Einfluggenehmigungen lagen vor, und wir wollten uns, soweit möglich, bis Kiew vortasten. Doch es kam anders.
Sportfliegen nach Sicht heißt, ständig Kompromisse eingehen. Da in der ganzen Ukraine kein Flugbenzin zu bekommen ist, war der Weiterflug im eigenen Flugzeug in L’viv zu Ende. Es musste Benzin auch für den Rückflug mitgenommen werden, was größere Tanks und ein Auftanken im polnischen Krakau voraussetzte. Zudem verlangte die ukrainische Luftfahrtbehörde, dass der Flug auf Luftstrassen in Flugfläche 90 durchzuführen sei, was bei der schlechten Wetterlage zeitweise ein Blindflug durch die Wolken bedeutet hätte. Zuviel für die kleine Piper, die "Hummel" mussten wir in Krakau zurücklassen, für die starke, für Instrumentenflug ausgerüstete Cessna kein größeres Problem. Also, Abenteuer auf dem Schienenstrang - was zunächst nur durch den niedrigen Fahrpreis versüßt wurde - Fahrt im Schlafwagenzug von Krakau nach Lemberg, Zeit und Geld sparen und, wie sich später erwies, wundervolle Tage als Vorhut in der UNESCO-Weltkulturerbe-Großstadt Lemberg verbringen.
Ein vertrautes kerniges Motorengeräusch lässt uns aufhorchen. „Das ist eine Einmotorige!“ Mehr durch Zufall verfolgt Erwin zwischen neuem Tower und Kuppel des Abfertigungsgebäudes gerade noch den letzten Teil des Abstiegs einer in starker Schräglage gegen den mächtigen Seitenwind ankämpfenden kleinen Maschine. Den Rest der Landung auf der einzigen Landebahn verschlucken Mauer und Gebäude. Bedeutungsvoll verkünden plötzlich Lautsprecher auf dem ganzen Gelände eine Frohbotschaft in Ukrainisch, der wir die Worte Samolot, Cessna und Krakow entnehmen können. Sie sind also gelandet? Wie zur Bestätigung erscheint die adrette Handling-Fee im Ausgang der Empfangshalle, hastet über den weiten Vorplatz in Richtung Bistro, und – man soll es nicht glauben – sucht tatsächlich uns beide in dem Gewühl von Passanten, Sicherheitsleuten, Taxifahrern und Gästen, um dann schnaufend, mit bewegter Brust, die Verkündigung auf Englisch zu wiederholen: „Your friends have landed! Wait at Gate B.“ Persönlicher Service nennt man das.
Es soll noch eine geraume Weile dauern, bis wir Jochen und Bernd begrüßen können. Wir harren wie befohlen in der Halle am Ausgang B der weiteren Dinge.
Pulsierend im Takt der startenden und landenden Maschinen füllt und leer sich die bekuppelte Halle, um die Passagiere in die Abfertigung oder die Fänge der aufdringlichen Taxifahrerphalanx am Ausgang zu entlassen. Weh dem, der sich nach überstandenem Spießrutenlauf einem Taxi anvertraut und die hiesigen Fahrpreise nicht kennt!
Mir fallen mit üppigen Blumensträußen bewaffnete Männer auf, sonntäglich angezogene Kinder mit Blumensträußchen an freier Hand haltend, die liebevoll ihre Frauen begrüßen. Verstaubte Sitten? Und die Frauen! Auf das Erscheinungsbild wird größter Wert gelegt. Die Lemberger haben eben Stil.
Ausgang B leert sich, ohne dass bekannte Gesichter auftauchen. Stattdessen wieder unsere Handling-Fee. Sie schiebt uns zu ihrer Kollegin an den Informationsschalter, weil die besser Englisch sprechen soll. Mit vereintem Wortschatz erklären beide, dass nicht Gate B, sondern „Exit around building, vychid delegacije!“ für das Erscheinen verantwortlich sein soll.
Statt klappriger Taxis parken dort vor der Treppe schwere Geländewagen und gediegene Limousinen der neuesten Art, im Innern gelangweilte Chauffeure. „Die meinen doch nicht einen VIP-Ausgang?“, ich befürchte kostspieligen Nachgeschmack.
„Wisst ihr, dass die erste in L’viv gelandete deutsche Privatmaschine aus Haßfurt kommt und unsere Tango Golf ist?“, plötzlich und unbemerkt stehen Bernd und Jochen zwischen uns. Herzlich willkommen in der Ukraine! Nein, das wussten wir nicht, da ist uns was entgangen. Natürlich brennen wir auf Einzelheiten. „Die Anflugkontrolle gab uns mehrfach den Wind. Wir mussten bestätigen, dass wir tatsächlich landen wollten!“, Jochen erinnert sich bescheiden der letzten Flugphase, „der Wind war nicht ohne, voll von der Seite!“. Das können wir bestätigen. Diese Uraufführung und Meisterlandung hätte wirklich einen großen Auftritt über die VIP-Treppe verdient, und dass unsere Freunde sehr wichtige Leute sind, hatten wir ja schon immer geahnt.
Natürlich wollen wir mehr über den Flug der Tango Golf erfahren: Start in Haßfurt nach Abfertigung durch die Grenzpolizei, Flug quer durch Tschechien, von Cheb bis Ostrava, Zwischenlandung im polnischen Krakau zum Auftanken, alles ganz unspektakulär. Allerdings, das Wetter in Tschechien war, wie es Jochen ausdrückt „durchwachsen“. Und weil ein kräftiger Rückenwind schob, waren die beiden Piloten in die 960 Kilometer ferne Ukraine nur etwas mehr als 3 Stunden in der Luft. Ernste Probleme habe es keine gegeben. Die Abfertigung in L’viv war da fast mehr Abenteuer. Sie habe sich deshalb so verzögert, weil man auf so kleine Flugzeuge nicht eingerichtet war. Zum Beispiel mussten Befestigungen für das Verzurrzeug erst besorgt werden.
Klingt eigentlich ganz einfach: Einsteigen, losfliegen und mehr oder weniger dem fünfzigsten Breitengrad folgen, ab Flugplatz Haßfurt, unserem Tor zur Welt.
Autor: Harald Eiselt
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