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Ein Reisebericht von Harald Eiselt
Balkanflug - Im Oldtimer nach Istanbul
Zwei Sportflieger des Motorflugclubs Haßfurt fliegen Ende Juli mit einer Piper PA 22 - Baujahr 1955 - quer durch Österreich und Ungarn, über die Schluchten des Balkans zum Schwarzen Meer und landen nach 13 Flugstunden in Istanbul. Sie beweisen, dass ein gut gewarteter Oldtimer durchaus langstreckentauglich sein kann und die Rückreise auch noch schafft.
Kaiserwetter
An gewaltigen Pylonen wie schwebend aufgehängt, überspannt mit elegantem Schwung die Hängebrücke die Meerenge, die Europa von Asien trennt. Es ist 12:05 UTC, als sich das kleine Flugzeug aus Haßfurt, mit dem Kennzeichen D-EBHP, eintausendzweihundert Fuß darüber in der Kontrollzone Istanbul, seinen Weg nach Asien bahnt, zum UKW-Funkfeuer Beykoz. Unter ihm, auf dem Bosporus, herrscht reger Schiffsverkehr. Nach Norden weitet sich die Ausfahrt hin zum in der Sonne glitzernden Schwarzen Meer, und nach Süden verdichtet sich das Häusermeer beidseits der Meeresstraße in Richtung zu Goldenem Horn und Marmarameer. Mit gutem Auge noch auszumachen, über Wasser und Dächern, erheben sich die schlanken Minarette von Hagia Sophia und Sultan-Ahmet-Moschee. In der kleinen Kabine des Flugzeugs beglückwünschen sich zwei Piloten des Motorflugclubs Haßfurt, die sich auf diesen besonderen Moment wochenlang vorbereitet hatten. In zwölf Minuten werden sie auf dem neuen Flughafen Istanbul-Sabiha Gögcen landen und sich am Ziel ihrer Reise wissen, in der Stadt mit den vielen Namen: Byzanz, Konstantinopel, Istanbul, am Rande zweier Erdteile, nicht Orient, nicht Okzident, in einer hektischen, schmutzigschönen, sehr alten Metropole.
Nach zwei erlebnisreichen Wochen landen sie wohlbehalten wieder in Haßfurt.
Seltener Klassiker
Unser Trio auf dem Haßfurter Flugplatz bringt es zusammen auf 152 Jahre: Erwin von der Forst, 52 Jahre, langjähriger Pilot und Fluglehrer des MFC, daneben Harry Eiselt, 51 Jahre, Hauptorganisator der Flugreise, sowie Piper PA 22-150, 49 Jahre, Amerikanerin, Beiname Tripacer.
Das Flugzeug, noch in der Bauweise der vierziger Jahre, ist ein echter Klassiker, von dem es in Deutschland nur noch sechs Stück gibt. So wie er auf dem Drehteller des Hangars steht, die typische Piper-Nase auf das Vorfeld streckend, denkt man beim Anblick des abgestrebten viersitzigen Hochdeckers unwillkürlich an eine fleißige Hummel, keineswegs an eine Ruheständlerin. Ermüdungserscheinungen zeigt die Piper jedenfalls nicht. Das Flugzeug ist zwar leicht gebaut, bewältigt aber mit seinem 150 PS Lycoming-Motor eine große Zuladung, ist so ideal zum Transport von Ausrüstung und einem zusätzlichen Benzintank zur Vergrößerung der Reichweite. Auf Besonderheiten angesprochen, erwähnt Eiselt das agile Flugverhalten, "die Kiste will geflogen werden!" Er deutet auf die breiten Reifen: "Das Bugradfahrwerk war damals der letzte Schrei." Zusammen mit einer eingebauten Ruderkoppelung wurde es in den Fünfzigern als "Landeautomatik" angepriesen.
Die Tripacer gehört innerhalb des MFC einer rührigen Vierergemeinschaft. Würde sie durchhalten? Das Vertrauen in ihr Flugzeug war mit der Zeit so gewachsen, dass diese Frage bejaht werden konnte. "Wenn wir nicht so tüchtige Techniker in unserer Gruppe hätten, wären wir wahrscheinlich nicht gestartet", von der Forst unterstreicht die Bedeutung von Wartung und Pflege des Oldtimers.
Schwierige Vorbereitungen
"Fliegt doch nach Dänemark!" Entgegen dieses wohlmeinenden Rates sollte das Unternehmen etwas Besonderes werden. Rekorde, wie 1935 die deutsche Fliegerin Elli Beinhorn, die an einem Tag die Strecke Gleiwitz - Istanbul - Berlin flog, hatten sie freilich nicht im Sinn. Man wollte sich Zeit lassen, Fliegerei und touristische Aktivitäten sollten im ausgewogenen Verhältnis stehen. Dass die Reiseroute des Oldtimers quasi einem Schienenstrang des legendären Orient-Express durch Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien nach Istanbul folgte, ist nicht nur zufällig.
"Unsere Lieben gaben ihren Segen, wenn auch ungern", beantworten beide die Frage nach dem Einverständnis der Ehefrauen.
Die Schwierigkeiten lagen in der Flugvorbereitung. Da die gängigen Flugrouten der "kleinen" Fliegerei Richtung Türkei durch erschlossene Länder entlang der Adria führen, die gewählte Balkan-Route aber durch ehemalige Ostblockländer, in denen die Privatfliegerei (noch) keine Rolle spielt, waren so gut wie keine Informationen und Sichtflugunterlagen erhältlich. Die wenigen Flugberichte rieten sogar ab, zum Beispiel nach Rumänien zu fliegen: Zu bürokratisch, überteuert, miserabler Service, kein Benzin. Bei den Bemühungen, noch rechtzeitig die vielen nötigen Genehmigungen zu bekommen, stieß man bald an Grenzen. Auch die Bereitstellung von Flugbenzin war ein großes Problem. Schließlich nahm die Crew den Flugvorbereitungsservice der Deutschen Flugsicherung in Frankfurt zu Hilfe.
Dann war es soweit. Bestes Flugwetter verhieß gutes Gelingen. Die Flugroute führte von Haßfurt nach Vilshofen, wo der deutsche Zoll erledigt wurde, weiter nach Sarmelek-Balaton, von dort anderntags in die Puszta nach Debrecen, im Nordosten Ungarns. Im staubig heißen Bukarest war Zwischenstopp, Bulgarien wurde hinwärts überflogen (Burgas am Schwarzen Meer auf dem Rückflug besucht).
"Bleibt doch in Ungarn!"
Dass sich eine Stadt einen Regionalflughafen einkauft und ihn dann auch noch betreibt, ist für hiesige Verhältnisse schwer denkbar. Das aufblühende Puszta-Zentrum Debrecen erwarb nach dem Abzug der Russen deren Basis und baut diese zum International Airport aus.
"Bleibt doch im schönen Ungarn!" Auch hier, in Grenznähe zu Rumänien, waren von der freundlichen Flughafen-Crew keine ermunternden Informationen über den Nachbarn Rumänien zu bekommen. Überhaupt gewannen die MFC-ler nicht nur in Ungarn den Eindruck, dass es zwischen den benachbarten Ostländern keinen rechten Austausch gibt, und wenige schlechte Erfahrungen einiger eine Mauer aus Vorurteilen errichtet haben. Auf die Nachfrage, wann denn die ebenfalls mit Ziel Rumänien gelandete Schweizer Stemme nach Rumänien abgeflogen sei, antwortete der Diensthabende, die Leute seien umgekehrt. Unsere Franken ließen sich nicht abschrecken. Man entließ sie mit den besten Wünschen.
Nach der ausgedörrten ungarischen Pfanne eine braunfarbene, offene Mittelgebirgslandschaft, nur vereinzelt kleine Dörfer, die sich an die offenbar einzige Asphaltstrasse klammern, das war der erste Eindruck vom rumänischen Siebenbürgen. Die Pflichtmeldepunkte bei Cluj (Klausenburg) und Sibiu (Hermannstadt) wurden gemeldet, dann stellten sich die Gipfel der Karpaten in den Weg. Dieser Teil Rumäniens ist ungezähmte Natur: urwüchsiger Wald, steil aufragender Fels. Man musste den Motor in der Hitze schonen und entschied sich für eine Passage auf Passhöhe in das Argestal. "Das war traumhaft, aber fliegerisch nicht ohne!" von der Forsts Mimik lässt die Anspannung noch erahnen.
Flugkontrollstelle hört nicht
Nicht nur Bukarest Radar hörte nicht, auch die bei Funkausfall zuständige Station war nicht erreichbar. Dass es für längere Dauer keinerlei Funkverbindungen gab, oder dass Linienflugzeuge als Relaisstationen bemüht wurden, waren Erfahrungen, auf die es sich einzustellen galt, besonders kritisch vor Einflügen in kontrollierte Lufträume. Ohne GPS-Navigation wäre der Flug kaum durchführbar gewesen, da die kleine Piper entlang von Luftstrassen, wie für Instrumentenflug, geschickt wurde. Öfter musste die Crew die Kontrollstellen darauf hinweisen, dass sie nach Sicht flogen.
Gastfreundschaft und Abzocke
Gewiss, Rumänien, Bulgarien und die Türkei sind für uns billige Reiseländer, jedoch um den Preis, dass die sozialen Unterschiede dort krass auftreten. In den großen Städten, so Eiselt, seien nicht nur Betteln und Anmache lästige Begleiterscheinungen, "die sehen in Dir eine Geldquelle". Die Leute müssten sich tagtäglich erfindungsreich nach der geschrumpften Decke strecken. Gleichwohl wird Gastfreundschaft und Zivilcourage hochgehalten. Besonders deprimierend habe man es in Bulgarien empfunden. Vielleicht sei man gerade deshalb überwiegend aufgeschlossen und freundlich aufgenommen worden. Sprachschwierigkeiten habe es nirgendwo gegeben, vielfach wird sogar deutsch gesprochen. Von Vorteil auch, dass es zum Unterschied, in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Automaten, dafür aber auskunftsfreudiges Sicherheitspersonal gibt.
Eine teuere Erfahrung soll nicht verschwiegen werden: Die Landegebühren auf Bukarest-International "Henri Coanda" alias "Otopeni" - nur dort sollte es Flugbenzin geben, was nicht stimmte - sind alleine schon abschreckend genug. Die Piper wurde wie ein 5-Tonnen-Flugzeug kassiert. Darüber hinaus geriet die Crew ohne eigenes Zutun in die Kostenfalle einer "großzügigen" VIP-Handlingagentur. "Zum Beispiel berechnete man uns einen nicht vorhandenen Passagier!" berichtet Eiselt, "auf dem Rückweg wussten wir Bescheid, wie man es anders macht!".
Flug mit den Störchen
Auf die Frage nach Reise-Highlights kommt eine ganze Liste zusammen. Zum Beispiel das mehrmalige Rendezvous mit der Donau - dramatisch bei Passau in die Landschaft eingegraben, idyllisch in der Wachau, in Ungarn behäbig, breit und braun vor dem Delta in der Walachei -, die flanierenden Schönheiten im Abendschein auf der Balaton-Mole in Keszthely, das heftige Puszta-Gewitter unter dem Schirmdach des "Goldenen Ochsen" in Debrecen, das Folkkonzert im Bukarester Hanul lui Manuc, das Fliegen gemeinsam mit einem Schwarm Störche über den Bergen Siebenbürgens, die Miniröcke der grazilen Rumäninnen, die selbstbewussten Bulgarinnen am Strand von Burgas, der Weckruf des Muezzin vom Minarett der Stadtteilmoschee, die riesige Dimension der Kuppel in der Hagia Sophia, die leckeren Räucherfischbrötchen frisch vom Kutter am Fähranleger von Eminönü, der türkische Mokka im Kahvesi des Sirkeci-Bahnhofs - gleich neben dem Bahnsteig des Orient-Express.
Aber an sich sei schon das Fliegen in einem Oldtimer ein Erlebnis.
Autor: Harald Eiselt
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